Ausgabe I · Mai 2026
← Magazin 20. Mai 2026
Wahlfamilie · 10 min

Wohngemeinschaften jenseits der vierzig — was nach den Studi-WGs kommt

Drei WGs in Berlin, Hamburg und Tübingen, alle bewohnt von Menschen über vierzig. Sie sind weder Notgemeinschaften noch ideologische Projekte. Sie sind eine Wohnform, die in der Statistik noch fehlt.

Reihe von Briefkästen an einem Mehrgenerationenhaus, daneben handgeschriebene Türschilder mit drei bis vier Nachnamen
— Reihe von Briefkästen an einem Mehrgenerationenhaus, daneben handgeschriebene Türschilder mit drei bis vier Nachnamen —

Im Statistischen Bundesamt sind sie schwer zu fassen, weil sie unter mehreren Kategorien gleichzeitig verzeichnet werden: „Wohngemeinschaft (drei oder mehr Personen ohne Verwandschafts­verhältnis)”, „Mehrpersonen­haushalt ohne Kinder”, „Untermiete in privatem Wohnraum”. Die Wohngemeinschaft mit erwachsenen Bewohner:innen jenseits der vierzig — das, was wir hier der Einfachheit halber WG-50plus nennen, auch wenn die untere Grenze flexibler ist — ist statistisch unscharf, aber qualitativ wächst sie. Genaue Zahlen sind nicht vorhanden; eine Schätzung der Bundes­arbeits­gemeinschaft Wohnen und Älterwerden e.V. aus dem Frühjahr 2025 geht von etwa 84.000 Personen in Deutschland aus, die in nicht-verwandt­schaftlichen WGs ab vierzig leben, mit einer steigenden Tendenz von rund 6 Prozent pro Jahr.

Wir haben uns drei dieser WGs angesehen, mit Einwilligung der Bewohner:innen, mit verfremdeten Namen, aber sonst getreuer Wiedergabe. Eine in Berlin-Friedrichshain, eine in Hamburg-Eimsbüttel, eine in Tübingen-Lustnau. Sie sind unterschiedlich genug, um nicht repräsentativ zu sein, aber gemeinsam genug, um ein Muster anzudeuten.

Die Berliner WG: vier Erwachsene, fünf Zimmer, einer geht bald

Die Berliner WG bewohnt eine Altbau-Wohnung im dritten Stock eines Hauses an einer Straße, die einmal ein Eckkneipen-Block war und jetzt überwiegend Kindermode und Yoga vertreibt. Die Wohnung hat 142 Quadratmeter, fünf Zimmer, eine Wohnküche, zwei Bäder. Sie ist seit 2017 von einer Hausverwaltung mit Sitz in Frankfurt an die WG vermietet, die als eingetragener Verein („Friedrichshainer Wohnverein”) auftritt. Diese Konstruktion — eingetragener Verein als Hauptmieter, individuelle Untermietverträge der Bewohner:innen mit dem Verein — ist eine der drei Standard­konstruktionen für solche WGs. Sie hat den Vorteil, dass Wechsel im Bewohner:innen­stand nicht jedes Mal eine neue Verhandlung mit dem Hauseigentümer erfordern.

Die vier Bewohner:innen sind: M., 48, freiberufliche Lektorin; J., 53, Stadt­planer in einer Bezirks­verwaltung; K., 44, Yoga-Lehrerin und ehemalige Architektin; T., 52, Pflege­fachkraft in einem stationären Hospiz. Drei Frauen, ein Mann. Zwei kamen 2017 zusammen, eine 2019, eine 2022. Eine fünfte (R., 56, kam 2017) ist 2024 ausgezogen, weil sie eine Stelle in Leipzig angenommen hat. T., der gerade 52 ist, hat im April 2026 angekündigt, im Herbst auszuziehen — er möchte mit seiner Partnerin (die nicht in der WG lebt) eine eigene Wohnung beziehen.

Was funktioniert: Die WG hat von Anfang an eine klare Rolle­n­verteilung im Alltag gehabt, die nicht über große Plena ausgehandelt wird. M. macht die Buchhaltung (eingetragener Verein, Steuer­erklärung, Mieten­einzug). J. ist der „Hausmeister” für kleine Reparaturen und für die Kommunikation mit der Hausverwaltung. K. organisiert das Putzen — nicht macht es selbst alleine, sondern verteilt es im Wochenplan, der an der Küchen­wand hängt. T. ist „Sozial­ministerin”, was bedeutet, dass er sich aktiv um Stimmungen kümmert, vor allem nach Konflikten.

Was nicht funktioniert: Konflikte um den gemeinsamen Wohnraum — Küche, Wohnzimmer — bleiben hartnäckig. Mehrmals im Jahr eskaliert eine Diskussion darüber, wie sauber das Wohnzimmer am Sonntag­abend ist, wer wann den Geschirr­spüler ausgeräumt hat, wer Gäste hatte und wer nicht. Es sind nicht riesige Konflikte, aber sie kehren wieder.

Was die WG gelernt hat: Sie hat eine monatliche Konflikt­runde eingeführt — letzter Sonntag im Monat, 19 Uhr, eine Stunde, in der jede:r Punkte ansprechen darf. Dieses Format hat nach Selbst­auskunft der vier die Stimmung deutlich verbessert. Vorher hatten sich Sachen aufgestaut, jetzt werden sie schneller besprochen. Die Runde hat eine Regel: keine Telefone, kein Alkohol vor 20 Uhr (wenn die Runde durchgesprochen ist, gibt es danach Wein).

Die Hamburger WG: zwei Schwestern und zwei dazu­gekommene

Die Hamburger WG ist ein anderes Modell: zwei der Bewohner:innen sind verwandt — Schwestern, 51 und 47, beide unverheiratet, beide kinderlos —, die zwei anderen sind später dazugekommen und nicht verwandt mit den Schwestern. Die Wohnung ist ein 168-Quadratmeter-Reihen­haus-Anteil in Eimsbüttel, im Eigentum der älteren Schwester, von ihr 2018 ererbt. Die WG zahlt eine Pauschal­miete an die Eigentümerin, die etwa zwei Drittel der Markt­miete entspricht und über die Vereins­steuer eines kleinen Hausvereins läuft.

Die beiden später dazu­gekommenen sind L., 49, eine Sozialarbeiterin, die seit zwei Jahren in der WG lebt, und V., 58, ein pensionierter Lehrer, der seit drei Jahren dort lebt. L. wurde über eine gemeinsame Freundin der älteren Schwester vermittelt. V. wurde über die Hamburger Online-Plattform „Wohnen mit Sinn” gefunden, eine kleine Vermittlungs­seite, die ehrenamtlich von einem Verein betrieben wird.

Was diese WG besonders macht: Sie ist um die Eigentumsfrage herum organisiert. Die ältere Schwester ist gleichzeitig Miet­vermieterin und Mit­bewohnerin. Das ist eine Konstellation, die Konflikte birgt — und die in der Praxis durch eine klare Trennung handhabbar gemacht wird: Über Miet­fragen wird in einem getrennten Format gesprochen, das einmal im Quartal stattfindet, im Wohnzimmer eines befreundeten Nachbarn. Diese Trennung wirkt formalistisch, aber sie funktioniert.

Was diese WG schwer hat: Die Asymmetrie zwischen Eigentümerin und Mieter:innen wird in Konflikt­momenten doch immer wieder spürbar. Ein Streit über die Renovierung der Küche im Herbst 2024 — die Eigentümerin wollte länger warten, die Mieter:innen wollten zügiger handeln — hat fast zur Trennung geführt. Am Ende wurde die Küche in einem von der WG mitfinanzierten Kompromiss erneuert (sie zahlte ein Drittel, im Gegenzug bleibt die Miete fünf Jahre lang stabil).

Was diese WG gelernt hat: Eigentum und Wohngemeinschaft passen nur dann zusammen, wenn die Eigentümerin akzeptiert, dass sie im WG-Alltag nicht primär Eigentümerin ist, sondern Mit­bewohnerin. Wer das nicht hinbekommt, gerät in Schwierigkeiten. Die ältere Schwester sagt offen: „Es war für mich schwerer, als ich dachte. Ich bin geübt darin, das Haus als meines zu sehen, weil es das ist. In der WG muss ich das täglich neu schlucken.”

Die Tübinger WG: ein Mietshäuser-Syndikat-Modell

Die Tübinger WG bewohnt das obere Geschoss eines kleinen Hauses in einem ruhigen Wohnviertel am Stadt­rand. Das Haus selbst gehört der Hausgenossenschaft „Lustnauer Höfe e.G.”, einem Genossenschafts­konstrukt, das sich am Mietshäuser-Syndikat-Modell orientiert: Das Haus ist dem freien Immobilien­markt entzogen, gehört kollektiv, kann nicht verkauft werden, die Mieten sind langfristig stabil.

Im oberen Geschoss leben vier Personen: H., 43, Doktorand:in (genderneutral angesprochen) in den Religions­wissenschaften; A., 51, Restaurator:in für Holzobjekte; G., 49, Hausärzt:in; und Q., 57, Buchhalterin in einem Verlag. Drei davon arbeiten in Tübingen, eine pendelt nach Stuttgart. Die WG existiert in dieser Zusammen­setzung seit 2021 — vorher gab es eine längere Vorstufe, die sich nach zwei Jahren auflöste, weil zwei der damaligen Bewohner:innen Stuttgart-stark berufstätig waren und faktisch nicht in Tübingen lebten.

Was diese WG besonders macht: Sie ist eingebunden in die Genossenschaft, was ein Maß an Mit­verantwortung mit sich bringt, das die anderen beiden Beispiele nicht haben. Es gibt monatliche Genossenschafts­treffen mit allen Bewohner:innen des Hauses (insgesamt elf Personen in drei Wohnungen), es gibt jährliche General­versammlungen, es gibt geteilte Aufgaben (Gartenpflege, Wartung, Buchhaltung der Genossenschaft).

Diese institutionelle Einbettung trägt die WG-50plus-Konstellation auf eine eigene Art. Konflikte zwischen den vier Bewohner:innen werden vor dem Hintergrund einer übergeordneten Struktur ausgetragen, in der nicht alles auf der WG-Ebene gelöst werden muss. Wenn etwa die Renovierung der Küche ansteht, ist das nicht primär eine Diskussion zwischen den vier, sondern eine Diskussion im Genossenschafts­vorstand.

Was diese WG schwer hat: Die institutionelle Einbettung kostet Zeit. Die monatlichen Treffen, die Genossenschafts­arbeit, die Buchhaltung — das addiert sich zu vielleicht zehn bis fünfzehn Stunden pro Monat zusätzlicher Arbeit, die in den drei anderen Wohnungen nicht so klar verteilt sind. H., der Doktorand, übernimmt mehr als die anderen — was eine kleine Quelle latenter Spannung darstellt.

Was diese WG gelernt hat: Wer in einem Mietshäuser-Syndikat-Modell lebt, lebt nicht nur in einer WG. Er lebt in einer kleinen Gemeinde mit eigener Selbst­verwaltung. Das ist sehr produktiv für den Konflikt­abbau auf WG-Ebene, aber es ist auch ein Aufwand, der bei der Einzug­sentscheidung unterschätzt wird.

Gemeinsame Muster

Wenn man die drei WGs nebeneinander legt, fallen einige gemeinsame Muster auf, die in der Literatur über WGs unter 30 nicht prominent vorkommen.

Erstens: Verträge sind wichtig. Die Studi-WG funktioniert mit mündlichen Absprachen. Die WG-50plus funktioniert mit Verträgen. Wer das nicht ernst nimmt — wer denkt, „wir kennen uns ja, das brauchen wir nicht” —, kommt in Probleme, sobald jemand auszieht oder eine größere Anschaffung ansteht.

Zweitens: Konflikte werden formaler ausgetragen, nicht weniger. Die monatliche Konflikt­runde der Berliner WG, die quartalsweise Eigentums­runde der Hamburger, das Genossenschafts­plenum der Tübinger — alle drei haben Formate gefunden, in denen Konflikte nicht ad-hoc, sondern in einem geregelten Rahmen besprochen werden. Erwachsene fordern das ein. Die Studi-WG-Improvisation funktioniert in der WG-50plus nicht.

Drittens: Die Stabilität liegt im Umgang mit dem Auszug. Alle drei WGs haben Erfahrungen mit Wechseln in der Zusammen­setzung. Was sie gemeinsam haben, ist eine Praxis, die diesen Wechsel vorausplant — sechs Monate Vorlaufzeit, gemeinsame Suche der Nachfolge, Übergabe-Wochen mit dem oder der Neuen. Wer das überstürzt macht, gefährdet die WG.

Viertens: Die Motivation ist nicht primär ökonomisch. In zwei der drei WGs (Berlin und Hamburg) ist die WG-Lösung ökonomisch günstiger als eine eigene Wohnung. Aber in keiner der drei WGs ist das der Hauptgrund. Die Hauptgründe sind: Nicht alleine wohnen wollen nach Trennungen oder lange-allein-gewesen-Sein; gemeinsam zu altern (eine Per­spektive, die in der Hamburger WG explizit benannt wird); Gespräche im Alltag haben, die man auf Verabredung nicht hat.

Fünftens, und das ist die vielleicht überraschendste Beobachtung: Diese WGs sind nicht ideologisch. Sie sind keine Wohn­projekte mit politischem Programm, kein Statement gegen die Kleinfamilie, kein Lebensentwurf. Sie sind pragmatische Antworten auf eine Lebens­situation, in der die Kleinfamilie aus biographischen Gründen nicht (oder nicht mehr) die passende Form ist. Die Bewohner:innen sehen sich nicht als Avantgarde. Sie sehen sich als Menschen, die eine vernünftige Wohnform für ihre Lebenslage gefunden haben.

Was nach den Studi-WGs kommt, ist also nicht das große alternative Projekt. Es ist eine Reihe von kleineren, pragmatischen Arrangements, die auf eine Weise funktionieren, die niemand mehr im Marketing-Sinne hervorheben muss. Sie sind, könnte man sagen, erwachsen geworden — im wörtlichen Sinn. Und gerade deshalb wachsen sie.


Ressort: Wahlfamilie